
Unter den vielen alttestamentlichen Vorbildern vom Opfertod Christi sind zwei davon besonders bedeutungsvoll, weil diese von dem Herrn selbst auf seinen Tod angewendet werden.
Es ist das Bild der erhöhten kupfernen Schlange in der Wüste (s. 4. Mo 21), das der Herr in Johannes 3,14 mit seiner Erhöhung am Kreuz auf Golgatha vergleicht.
Und Er erklärt seinen Jüngern, dass Er nach seinem Tod am Kreuz „drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein wird“ (s. Mt 12,40b) und bringt dies unmittelbar mit dem Zeichen Jonas in Verbindung: „so wie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war“ (Mt 12,40a; s. Mt 16,4).
Das Zeichen Jonas im Bauch des Fisches deutet also direkt auf Christus im Grab hin, und zwar so exakt, dass sogar die Zeitdauer übereinstimmend ist – es geht jeweils um drei Tage. Warum es genau drei Tage sind, erfahren wir gleich. Doch zu Beginn sind noch weitere Besonderheiten anzumerken.
Denn bevor wir das Zeichen Jonas im Vorbild auf den Tod Christi näher betrachten, wollen wir zunächst auf die Person Jonas eingehen. Bereits hier gibt es eine auffallende Übereinstimmung von Jona mit Christus in seinem Leben als Mensch auf der Erde: Beide kamen als Propheten aus Galiläa! Der Herr wuchs in der verachteten Stadt Nazareth in Galiläa auf (s. Lk 2,39; 4,16; Joh 1,45.46) und Jona war aus Gat-Hepher (s. 2. Kön 14,25) in der Nähe von Nazareth und somit ebenfalls aus Galiläa.
Diese Tatsache ist von weitreichender Bedeutung, denn sie überführte die Obersten und Pharisäer Israels in der Ablehnung ihres Messias, als sie Nikodemus aufforderten: „Forsche und sieh, dass aus Galiläa kein Prophet aufsteht“ (Joh 7,52). Gerade sie als Schriftgelehrte hätten wissen müssen, dass Jona als Prophet schon lange zuvor aus Galiläa aufgestanden war, um damals die Nationen aus der Stadt Ninive zur Buße zu führen und Gottes Gnade zu offenbaren (s. Jona 3).
Doch mit diesem Vorwand lehnten sie den Herrn Jesus als den von Gott gesandten Propheten aus Galiläa ab und ignorierten dabei ganz bewusst, dass sich die Gnade Gottes bereits damals über die Grenzen Israels hinaus den Nationen zugewandt hatte. Ganz im Gegensatz zu den Obersten des Volkes taten die Menschen aus Ninive auf die Predigt Jonas hin aber Buße (s. Mt 12,41a), und obwohl der Herr, der ihnen gerade gegenüberstand, größer als Jona war, hörten die Schriftgelehrten nicht auf Ihn. „Und siehe, mehr als Jona ist hier“ (Mt 12,41b), das musste Christus ihnen vorwerfen. Dies alles machte ihre Schuld nur umso größer.
Wie deutlich und folgenschwer ist das Vorbild Jonas auf Christus in Bezug auf seine Verwerfung von seinem irdischen Volk Israel. Doch wenden wir uns nun der vorbildlichen Bedeutung Jonas mit Blick auf den Tod des Herrn Jesus für jeden einzelnen der Seinen zu, zu denen auch wir aus den Nationen aus Gnade gehören dürfen.
Um die ganze Tragweite des Vorbildes von Jona auf den Tod Christi zu erkennen, benötigen wir zunächst einen chronologischen Überblick der Ereignisse im Buch Jona.
Alles hat in diesem Prophetenbuch eine genaue, von Gott angeordnete Abfolge:
Es fällt auf, dass Jona erst dann nach Ninive ging (s. Kap. 3), nachdem er zuvor im Ungehorsam den entgegengesetzten Weg einschlug (s. Kap. 1), der ihn letztendlich in den Bauch des großen Fisches führte (s. Kap. 2). Doch das, was auf den ersten Blick nach einem planlosen „Hin-und-Her“ aussieht, gewinnt bei der Anwendung auf Christus an Bedeutung: Denn bevor die Gnade Gottes zu den Nationen kommen konnte (vorgebildet in Kap. 3), war zuerst der Tod Christi nötig (vorgebildet in Kap. 2). Zuerst musste durch die Hingabe Christi in Gericht und Tod die Grundlage gelegt werden, auf der dann die gute Botschaft der Gnade Gottes zu den verlorenen Sündern gelangen konnte. Diese Reihenfolge im göttlichen Ratschluss ist sogar schon hier im Vorbild Jonas eingebettet, obwohl Jona im Gegensatz zu dem Herrn Jesus leider ungehorsam war.
Doch Gott kommt mit Jona zu seinem Ziel und sorgt sogar dafür, dass alles auf Christus und sein Werk hindeutet – ein weiterer Beweis der Schönheit und Einzigartigkeit des inspirierten Wortes Gottes!
Im Vorbild sehen wir nun den ungehorsamen Jona auf hoher und stürmischer See in einer lebensbedrohlichen Situation. Die gesamte Schiffsbesatzung konnte nur dadurch gerettet werden, dass Jona durch das Los von Gott dazu bestimmt wurde, ins Meer geworfen zu werden. So war auch Christus das von Gott ausersehene Opfer für die Verlorenen. Doch es bleibt ein großer Unterschied zwischen Vorbild und Wirklichkeit bestehen: Jona musste wegen seines Ungehorsams hingegeben werden, Christus aber hat sich in seinem vollkommenen Gehorsam selbst gegeben – ohne dass es in Ihm auch nur die geringste Ursache dazu gegeben hätte.
Jona in den Fluten des Meeres ist ein Vorausbild auf Christus im Gericht Gottes: „In Wassertiefen bin ich gekommen, und die Flut überströmt mich“ (Ps 69,3). Gott schickte daraufhin einen großen Fisch, der Jona verschluckte und ihn so aus dem Gericht rettete. Der Bauch des Fisches ist ein Bild von Tod und Grab, von den unteren Teilen der Erde, in die der Herr Jesus nach vollbrachtem Sühnungswerk im Gericht Gottes eingegangen ist.
Zwar lebte Jona während dieser drei Tage noch, aber es war auch für ihn wie ein Begräbnis – in dieser Zeit konnte ihn kein Mensch mehr sehen, kein Lebenszeichen war mehr nach außen hin von ihm erkennbar. Doch auch hier bleibt das Vorbild nur ein Schatten der Wirklichkeit, denn Christus „war tot“ (Off 1,18)!
Aber wir finden auch eine schöne Übereinstimmung des Vorbildes von Jona mit dem Werk Christi. Aus Hebräer 9 wissen wir, dass es den Menschen gesetzt ist, „einmal zu sterben, danach aber das Gericht“ (V. 27). Den Menschen erwartet also das göttliche Gericht, nachdem er gestorben ist. Bei Christus war es umgekehrt: Er musste (als einziger Mensch!) zuerst das Gericht Gottes in den drei Stunden der Finsternis lebend erdulden, bevor Er verschied. Bemerkenswerterweise finden wir diese außergewöhnliche Reihenfolge – zuerst Gericht, dann Tod – auch bei Jona wieder: Er war zuerst in den Wasserfluten (Gericht) und dann im Bauch des Fisches (Grab).
Welch ein detailliertes Vorbild auf den Tod Christi nach vollbrachtem Werk!
Es gibt noch eine weitere Besonderheit mit Blick auf die Zeitdauer, die Jona im Bauch des Fisches verbringen sollte: „Und Jona war im Bauch des Fisches drei Tage und drei Nächte“ (Jona 2,1). Die genaue Angabe von drei Tagen, in denen Jona im Vorbild auf Christus gleichsam begraben war, ist ein Hinweis darauf, dass Christus ebenso nach drei Tagen aus der Gruft wieder auferstanden ist (vgl. Mk 9,31; 10,34).
Aber warum genau drei Tage? Zunächst einmal stellen wir fest, dass nach Gottes Wort jede Sache durch zwei oder drei Zeugen bestätigt werden soll (s. 5. Mo 19,15). So ist die Tatsache, dass der Herr Jesus drei Tage und drei Nächte „in dem Herzen der Erde“ (Mt 12,40) gelegen hat, nicht nur das ausreichende (zwei), sondern das vollkommene (drei) Zeugnis davon, dass Er tatsächlich gestorben war. Dann erinnern wir uns aber noch an die Tagesabfolge in Verbindung mit dem vollbrachten Werk Christi auf Golgatha damals in Jerusalem: Am Rüsttag, dem Vorsabbat (Freitag), wurde Christus gekreuzigt und noch am Abend in das Grab gelegt (s. Mk 15,42 ff.). Am dritten Tag, also am ersten Tag der Woche (Sonntag), ist Er auferstanden. Daraus folgt, dass Christus den ganzen Sabbat (Samstag), den siebten Tag in der Woche, im Grab war.
Und genau hierin liegt die Antwort auf die Frage nach der Notwendigkeit von drei Tagen: Diesen siebten Tag, den Gott damals schon als Ruhetag nach vollbrachtem Schöpfungswerk verordnet hatte (s. 1. Mo 2,2.3), sollte auch sein Christus nach vollbrachtem Erlösungswerk auf der Erde ruhen! Vorher konnte Er nicht ruhen – da hatte Er keinen Ort, wo Er sein Haupt hinlegen konnte (s. Lk 9,58). Doch nun hat Er auf der Erde diese Ruhestätte am Sabbat im Grab gefunden, weil Er zuvor das Werk auf Golgatha vollbracht hatte. Es blieb nichts mehr zu tun übrig. Anbetungswürdiger Herr!
Durch die Auferweckung seines Sohnes hat Gott dieses vollkommene Werk besiegelt und die Grundlage für die noch ausstehende Sabbatruhe Gottes gelegt (s. Heb 4).
Matthias Wölfinger
Nach jüdischer Zeitrechnung endete der Tag bei Sonnenuntergang um 18 Uhr. Der neue Tag begann also schon am Abend des Vortages (nach römischer und heutiger Zeitrechnung beginnt der neue Tag erst um Mitternacht). Daher lag der Herr von Freitag bis Sonntag an drei Tagen im Grab, allerdings nur am dazwischenliegenden Sabbattag 24 Stunden lang.