
Abraham lebte vor über 4 000 Jahren. Er war sehr reich (s. 1. Mo 13,2), in gewissem Sinn mit den Mächtigsten der damaligen Welt vernetzt (s. 1. Mo 12,14-20; 1. Mo 20), militärisch erfolgreich (s. 1. Mo 14,13-24) und offensichtlich ein entschlossener Geschäftsmann (s. 1. Mo 21,22-32). Aus menschlicher Sicht würden wir ihn als „Mann von Welt“ einordnen, als jemand, der weiß, wie Erfolg funktioniert.
Aber passt das zu dem Bild, das Gott in Hebräer 11 über ihn zeichnet? Dort wird er als Glaubensheld beschrieben, aber auch als Familienvater, der sich als Fremder (mit seiner Familie) in Kanaan aufhielt. Ausgerechnet in dem Land, das Gott ihm verheißen hatte, wohnte er in Zelten, fernab der zivilisierten Städte, obwohl er gerade dort seinen Einfluss und Reichtum sicher gut hätte zur Geltung bringen und maximieren können. Doch er bekannte, ein Fremder und ohne Bürgerrecht auf der Erde zu sein (s. Heb 11,13). Einerseits Erfolg und Ansehen, andererseits „Fremdlingschaft“: War das nicht eine Gratwanderung? Ja, vielleicht war es das manchmal und er machte dabei auch Fehler. Doch Gott nannte ihn seinen Freund (s. Jes 41,8; Jak 2,23) und das schloss aus, dass er ein Freund der Welt war (s. Jak 4,4b). Abraham musste also ein „Rezept“ gehabt haben, um in diesem Spannungsfeld zu bestehen.
Als Christen leben wir heute in einem ähnlichen Spannungsfeld. Das gilt besonders für Familienväter. Es ist herausfordernd, einerseits anspruchsvollen irdischen Aufgaben gerecht zu werden und gut für die Familie zu sorgen, andererseits zu verwirklichen, dass unser Bürgertum in den Himmeln ist (s. Phil 3,20). Leider hat auch für Gläubige der „irdische Teil“ des Lebens – Beruf, Freizeit, materieller Wohlstand – an Stellenwert und Attraktivität deutlich zugenommen. Der Druck, „mithalten“ zu müssen, ist immens gewachsen. Abraham zeigt uns, wie wir damit umgehen können. Wir wollen uns einige „Zutaten“ seines Rezeptes anschauen.
„Und der Herr erschien Abram und sprach: Deiner Nachkommenschaft will ich dieses Land geben. Und er baute dort dem Herrn, der ihm erschienen war, einen Altar.“
Abram (er heißt erst ab Kapitel 17,5 Abraham) hat Gott beim Wort genommen, ist aus seiner Heimat Mesopotamien weggegangen und nun im ihm verheißenen Land angekommen. Was stellt er dort fest? Es ist schon besetzt, überall leben Kanaaniter. Da wäre es doch klug, sich sofort in den Städten Sichem, Bethel oder Ai niederzulassen und seine Ansprüche geltend zu machen.
Doch Abram handelt anders. Er durchzieht das Land bis zu dem Ort, an dem Gott ihm begegnet und ihm sagt: „Deiner Nachkommenschaft will ich dieses Land geben“ (1. Mo 12,7). Nicht er soll es also besitzen, sondern das Volk seiner Nachkommen. Abram ist nicht entmutigt, sondern baut an diesem Platz der Gemeinschaft mit Gott einen Altar. Danach zieht er als Fremder weiter durch „sein“ Land; die Gemeinschaft mit Gott gibt ihm Kraft dazu. Sie ist ihm wertvoller als die Gemeinschaft mit den Menschen der Städte Kanaans, denn sie sind nicht besser als die seiner früheren Heimat Mesopotamien: Sie sind Götzendiener, leben in Unmoral und Sünde.
Als er am nächsten Ort sein Zelt aufschlägt, baut er wieder einen Altar (s. 1. Mo 12,8), Altäre werden zu seinem „Markenzeichen“. Dort pflegt er Gemeinschaft mit Gott, opfert Ihm. Das bestimmt seine himmlische Ausrichtung: Er erwartet „die Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“ (Heb 11,10). Ja, er ist damals schon wohlhabend (s. 1. Mo 12,5) und Gott macht ihm entsprechend der Zeit, in der Abraham lebt, irdische Zusagen. Aber er lernt in dieser Gemeinschaft, auf der Erde ein Fremder und ohne Bürgerrecht zu sein (s. Heb 11,13).
Gemeinschaft bedeutet, eng mit jemand verbunden zu sein, gleiche Anschauungen zu haben und übereinstimmende Ziele zu verfolgen. Wir genießen Gemeinschaft mit Gott, weil Er unser Vater ist. Als seine Kinder sind wir eng und vertrauensvoll mit Ihm verbunden. Diese Gemeinschaft lässt uns seine Sichtweise einnehmen und wir erkennen und prüfen, was sein „guter und wohlgefälliger und vollkommener Wille“ ist (s. Röm 12,2). Sie bewirkt, dass unsere Ziele mit Gottes Zielen übereinstimmen und wir glücklich mit dem sind, was Er uns gibt. Sie relativiert die Dinge unseres irdischen Lebens und befähigt uns, unsere berufliche Karriere, unseren materiellen Besitz und unsere freie Zeit an Ihm auszurichten und allem den richtigen Stellenwert zu geben. Je intensiver unsere Gemeinschaft mit Gott ist, umso besser verstehen wir, dass unser Ziel der verherrlichte Christus im Himmel und unser Leben auf der Erde „nur“ der Weg dorthin ist.
„Da sprach Abram zu Lot: Lass doch kein Gezänk sein zwischen mir und dir und zwischen meinen Hirten und deinen Hirten; denn wir sind Brüder! Ist nicht das ganze Land vor dir? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich mich zur Rechten wenden, und willst du zur Rechten, so will ich mich zur Linken wenden.“
Abram hatte seinen Neffen Lot mit nach Kanaan genommen, gemeinsam hatten sie das Land durchzogen und waren auch gemeinsam den verkehrten Weg nach Ägypten gegangen. Nun sind sie zurückgekehrt und leben als reiche Nomaden mit viel Kleinvieh, Rindern und Zelten (s. 1. Mo 13,1.5) wieder im Land Kanaan. Die Herden sind so gewachsen, dass es nicht mehr möglich ist, sie in demselben Gebiet zu weiden; sie müssen sich trennen.
Wir würden gut verstehen, wenn Abram – als Älterer und „Ziehvater“ von Lot – darauf besteht, bei der Auswahl der Weidegebiete den Vorzug zu bekommen. Aber er tut es nicht, sondern überlässt Lot die Wahl und verzichtet damit auf das vermeintlich bessere Land. Er tut das gewiss nicht, weil ihm seine Herden gleichgültig sind, er ist ein weitsichtiger Unternehmer. Sein Motiv ist sicher – neben seiner himmlischen Gesinnung (s. Punkt 1) – sein geschärftes Gewissen. Das Land, das Lot sich aussucht, ist zwar aus agrarökonomischer Sicht ideal, aber es hat einen Nachteil: Es liegt im Umkreis der Städte der Ebene und damit nahe bei Sodom, wo „sehr böse und große Sünder vor dem Herrn“ sind (s. 1. Mo 13,12.13). Abram erkennt die damit verbundene Gefahr: das Zusammenleben mit den Menschen Kanaans. Wir wissen heute, dass Lot in dieser Gefahr fast umgekommen wäre. Abram geht ihr durch Verzicht aus dem Weg.
Verzicht bedeutet Verlust von materiellen Vorteilen, Ansehen und Selbstverwirklichung. Doch Verzicht kann helfen, Gefahren zu vermeiden. Gefahren, die auftreten, wenn wir uns auf unser irdisches Leben fokussieren, mit der Welt kooperieren und dabei ihre Grundsätze übernehmen. Es geht nicht darum, keinen Kontakt mit Ungläubigen zu haben. Der Herr Jesus hat sich als Mensch sehr viel mit Ungläubigen beschäftigt und uns vorgelebt, wie wir mit ihnen umgehen und ein Zeugnis für sie sein können. Die Frage jedoch ist: Nehmen wir in Kauf, für Erfolg, Wohlstand und Ansehen mit der Welt an einem Strang zu ziehen und dabei unseren Fremdlingscharakter, unsere Beziehung zum Herrn und den Blick für das himmlische Ziel aufs Spiel zu setzen? Oder sind wir – um diesen geistlichen Verlust zu vermeiden – bereit, auf diese Dinge zu verzichten?
„Und es geschah zu jener Zeit, da sprach Abimelech und Pikol, sein Heeroberster, zu Abraham und sagte: Gott ist mit dir in allem, was du tust. So schwöre mir nun hier bei Gott, dass du weder an mir noch an meinem Sohn noch an meinem Enkel trügerisch handeln wirst!“
Jahre später bekommt Abraham Besuch, der Philisterkönig Abimelech und sein Heeroberster haben ein Anliegen. Egoismus, Unfairness und Unredlichkeit waren schon damals unschöne Methoden der Mächtigen dieser Welt und vermutlich fürchtet Abimelech, dass Abraham genauso agieren wird; das will er durch einen Vertrag (einen Schwur) verhindern. Interessant ist dabei, welches Urteil er über Abraham hat: „Gott ist mit dir in allem, was du tust.“ Ihm ist aufgefallen, dass Abraham sich anders verhält als die Menschen in seinem Umfeld. Er hat realisiert, dass der erhabene Schöpfergott (Elohim) mit Abraham ist und Abraham mit diesem Gott lebt und Ihm alles verdankt. Das macht ihn vertrauenswürdig, so dass er freimütig mit seinem Anliegen zu ihm kommt. Sein Vertrauen wird belohnt, denn Abraham gibt ihm die verlässliche Zusage, ihn nicht zu betrügen. Später, als Abimelechs Knechte Abraham einen Brunnen rauben, stellt Abraham sein Wort und sein gutes Zeugnis durch Aufrichtigkeit und Langmut unter Beweis.
Ein gutes Zeugnis zu sein bedeutet, authentisch sein Bekenntnis zu leben. Christen machen sich unglaubwürdig, wenn sie nach den Maßstäben der Welt leben oder sich deren Tugenden zu eigen machen. Es passt nicht, wenn wir unseren materiellen Besitz – den wir Gott verdanken – extravagant zur Schau stellen und mit dem prahlen, was wir erreicht haben. Wir sind aber ein gutes Zeugnis, wenn man an uns sieht, dass wir im Arbeitsleben unserem Herrn Christus dienen (s. Kol 3,24), nicht auf Materielles vertrauen (sondern es freigebig zum Guten nutzen, s. 1. Tim 6,17.18) und uns untadelig und lauter als unbescholtene Kinder Gottes verhalten (s. Phil 2,15).
Abraham berücksichtigte diese „Rezeptzutaten“ in seinem Leben. Er priorisierte die Gemeinschaft mit Gott höher als die Gemeinschaft mit der Welt. Er nahm materiellen Verzicht in Kauf, um nicht in den Einflussbereich der Welt zu geraten und sein redliches Verhalten in der Welt war ein Zeugnis für Gott. Nein, Abraham war wirklich „kein Mann von Welt“. Auch wenn er recht „erfolgreich“ in ihr lebte, war er nicht von ihr (s. Joh 17,11.16). Wenn wir uns an ihm orientieren, bereichert das unser Glaubensleben und unseren Dienst für den Herrn und wir können als Christen in dieser Welt bestehen und leuchten. Als Familienväter fördern wir dadurch das Miteinander in der Familie und das geistliche Wachstum unserer Kinder, denen wir dann ein gutes Vorbild sind.
Henning Panthel