
„Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“ (Ps 124,8).
Krisenzeiten können zugleich Segenszeiten sein. Man lernt Gott auf eine Weise kennen, wie es in Tagen, in denen alles glatt verläuft, kaum möglich ist. In der Not rufen Menschen zum Herrn, wie es der Psalmdichter ausdrückt: „Du, Herr, halte deine Erbarmungen nicht von mir zurück; deine Güte und deine Wahrheit lass beständig mich behüten!“ (Ps 40,12). Sie erfahren, wie Er sich ihnen in seiner Gnade und Barmherzigkeit zuwendet und auf ihr Rufen hört – oft auf eine Weise, die anders ist, als sie es erwartet haben. Er stellt ihre Füße auf einen Felsen und befestigt ihre Schritte (s. Ps 40,3). Daher gilt: „Glückselig der Mann, der den Herrn zu seiner Zuversicht macht“ (Ps 40,5).
Die Bibel zeigt uns Männer Gottes, an denen Gott vielfach seine Wundertaten und seine Gedanken erwiesen hat (s. Ps 40,6) – zu seiner Ehre und zu ihrem Nutzen.
Mose wird alles zu viel – er ist am Ende seiner Kräfte. Das Volk beklagt sich, das Mischvolk murrt erneut. Ihre Gedanken gehen zurück nach Ägypten zu den Fleischtöpfen, zu Knoblauch, Gurken, Zwiebeln, Melonen und anderen Genüssen. Das „Haus der Knechtschaft“ ist vergessen; ihre Seele ist dürr – wen wundert es? (s. 4. Mo 11,4-6).
Mose ist entmutigt und fragt, im Glauben schwach geworden, den Herrn: „Warum hast du an deinem Knecht übel getan, und warum habe ich nicht Gnade gefunden in deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volkes auf mich legst?“ (V. 11).
Dabei sollte Mose die Last gar nicht allein tragen! Gott hatte ihm zugesagt: „Ich werde mit dir sein“ (s. 2. Mo 3,12). War das nicht genug?
Mose ist resigniert und des Lebens müde. In seiner Verzweiflung kommt es über seine Lippen: „… so bring mich doch um …“ (4. Mo 11,15). Doch der Herr erfüllt seine törichte Bitte nicht! Stattdessen gibt Er Mose eine Lösung: Siebzig Männer werden ihm zur Seite gestellt, um die Last mitzutragen. Gott legt von seinem Geist auch auf sie (s. V. 24.25). Kein Tadel. Kein Vorwurf. Gott handelt in Liebe, verständnisvoll und fürsorglich.
Elia ist erschrocken und voller Angst – wegen der Drohungen der gottlosen Isebel. Dabei hatte Gott zuvor auf eindrucksvolle Weise seine Macht gezeigt. Feuer fiel vom Himmel und das Volk bekannte: „Der Herr, er ist Gott!“ (1. Kön 18,39). Auf das ernstliche Gebet Elias hatte Gott geantwortet: Der Himmel gab Regen.
Dennoch flieht Elia ängstlich nach Beerseba, lässt seinen Diener zurück und läuft weiter in die Wüste. Dort legt er sich unter einen Ginsterstrauch. „Und er bat, dass er sterben dürfe, und sprach: Es ist genug; nimm nun, Herr, meine Seele, denn ich bin nicht besser als meine Väter“ (1. Kön 19,4).
Er ist erschöpft, enttäuscht, verzagt. Vor dem Angesicht des Herrn steht er in diesem Moment offenbar nicht. Doch Gottes Fürsorge hört nicht auf – auch heute nicht. Es stimmt, wie es in einem geistlichen Lied so ermutigend heißt:
„Wenn Kummer dich quält,
wenn alles dir fehlt,
Er öffnet dir segnende Arme.“
Der Herr begegnet Elia nicht mit Vorwürfen, sondern mit Versorgung und Ruhe. Gottes „Therapie“: schlafen, essen, trinken, schlafen – und ein Fußmarsch in einer einsamen Steinwüste, eine Zeit in der Stille. Elia darf seine Seele vor dem Herrn ausschütten. Er erfährt Mitgefühl und Verständnis.
Wie liebevoll fordert der Herr auch uns auf: „Kommt ihr selbst her an einen öden Ort für euch allein und ruht ein wenig aus“ (Mk 6,31). Immer wieder dürfen wir uns gewissermaßen zu seinen Füßen niedersetzen, zur Ruhe kommen und das gute Teil erwählen (s. Lk 10,42).
Damals wie heute nutzt der Herr die Stille auch zur liebevollen Korrektur.
Jeremia, oft der „weinende Prophet“ genannt, erlebt anhaltenden Widerstand unter Gottes Volk. Er wird geschlagen, verachtet, gedemütigt – und bleibt dennoch treu in der Verkündigung des Wortes Gottes. Schließlich fällt er in ein seelisches Tief und verflucht in seiner Verzweiflung sogar den Tag seiner Geburt: „Und spreche ich: ‚Ich will ihn nicht mehr erwähnen und nicht in seinem Namen reden‘, so ist es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen; und ich werde müde, es auszuhalten, und vermag es nicht … Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren wurde; der Tag, da meine Mutter mich gebar, sei nicht gesegnet!“ (Jer 20,9.14).
Doch der treue Herr weist seinen Diener nicht streng zurecht. Er übergeht die Situation mit Schweigen und gibt ihm schon bald darauf einen neuen Auftrag (s. Jer 21,1.2). In diesem Handeln zeigt sich Gottes herzliches Erbarmen mit unserer Schwachheit. Seine vollkommene Liebe verändert sich nie.
Johannes sitzt unschuldig im Gefängnis. Tag für Tag – nichts geschieht. Eine tiefe Enttäuschung befällt ihn. Er hört von den Werken des Christus, deshalb sendet er seine Jünger zu Ihm und lässt Ihn fragen: „Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11,3). Zweifel kommen auf.
Doch Jesus stärkt ihn in seiner Liebe. Er antwortet nicht mit Tadel. Seine Jünger sollen Johannes verkünden, was sie hören und sehen: Ja – Jesus ist der verheißene Messias. Seine Werke und seine Botschaft sind der Beweis (s. Jes 35,5.6).
Auch wenn der Ausgang anders ist, als Johannes es erwartet hatte – Gott lenkt alles nach seiner Weisheit. Vor dem Volk ehrt Er seinen Diener als den in seiner Zeit Größten unter den von Frauen Geborenen. So sind oft Gottes Gedanken anders als unsere Gedanken, und seine Wege anders als unsere Wege (s. Jes 55,8).
Paulus, der Apostel und treue Diener Christi, berichtet von Bedrängnissen und Verfolgungen: „Denn wir wollen nicht, dass euch unbekannt sei, Brüder, was unsere Bedrängnis betrifft, die uns in Asien widerfahren ist, dass wir übermäßig beschwert wurden, über Vermögen, so dass wir sogar am Leben verzweifelten“ (2. Kor 1,8).
„Und damit ich mich nicht durch das Übermaß der Offenbarungen überhebe, wurde mir ein Dorn für das Fleisch gegeben, ein Engel Satans, damit er mich mit Fäusten schlage, damit ich mich nicht überhebe“ (2. Kor 12,7).
Die Nöte, die Paulus erlebt, sind so groß, dass er sie als über seine Kraft hinausgehend empfindet. Überreichliche Mühen begleiten seinen Dienst für den Herrn: Gefängnisse, Schläge und immer wieder Todesgefahren (s. 2. Kor 11,23 ff.).
Hinzu kommt der „Dorn für das Fleisch“, der ihm so viel Not bereitet, dass er den Herrn inständig bittet, ihn wegzunehmen. Doch gerade in dieser Schwachheit darf er Gottes Kraft erfahren – eine Kraft, die genügt und deren er sich schließlich sogar rühmt (s. 2. Kor 12,9). Er erlebt Gott als den „Vater der Erbarmungen und Gott allen Trostes“ (2. Kor 1,3).
Durch Leiden wird er befähigt, andere zu trösten – mit dem Trost, mit dem er selbst getröstet worden ist. So erkennt er: Der Gott, der ihn von so großem Tod errettet hat, wird ihn auch ferner erretten. Auf Ihn setzt er seine Hoffnung, Ihm vertraut er im Leben und im Sterben.
Auch in unseren Tagen tragen viele Christen schwere Lasten. Krankheit, berufliche Anforderungen, familiäre Spannungen und Sorgen bedrängen sie. Dazu kommen die vielfältigen Herausforderungen im täglichen Miteinander – und besonders Eltern benötigen Weisheit und Kraft in der Erziehung ihrer Kinder, die im schulischen Umfeld schon selbst in vielerlei Hinsicht solchen „Krisenzeiten“ begegnen können.
Und mancher hat sich vielleicht mit den vielen Aufgaben im Volk Gottes auch selbst zu viel zugemutet.
Wenn das Leben ins Wanken gerät – durch Überforderung, Enttäuschungen oder anhaltende Belastungen –, dürfen wir wissen: Wir sind nicht allein. Gott sieht uns. Er kennt unsere Sorgen, unsere Tränen und unsere stillen Gebete.
Unsere Lasten dürfen wir bei Ihm abladen, der uns „Zuflucht und Stärke [ist], eine Hilfe, reichlich gefunden in Drangsalen“ (Ps 46,2).
Ja – Gott führt uns manches Mal durch dunkle Täler, aber niemals ohne ein gutes Ziel. Seine Wege sind höher, als wir es erfassen können, doch sie sind stets von Liebe und Weisheit bestimmt.
Gerade in Krisenzeiten erweist Er sich als der weise Töpfermeister. Er knetet und formt uns zu Gefäßen, die zu seiner Ehre dienen sollen – geheiligt und brauchbar, zu jedem guten Werk bereitet (s. Jer 18,1-6; 2. Tim 2,21).
Friedhelm Müller